Kapitel 1 | Dane
Es gibt da so einen Augenblick zwischen Wachsein und Einschlafen, in dem ich fast alles um mich herum hören kann, aber die Welt verschwommen und ganz weit weg ist. Nicht gerade ein Ort der Entspannung, aber sobald ich merke, wie ich langsam wegdrifte, weiß ich, dass eine gute Mütze Schlaf nur noch einen Augenblick entfernt ist.

Ich hatte gerade angefangen zu träumen, als …
Zwei schrille Geräusche mich hochschrecken ließen. Eiszapfen aus Plastik, die von der Decke hingen, leuchteten blau auf. Die Jungs um mich herum murrten und schimpften, während sie aufstanden.
Wir hatten fast eine komplette 24-Stunden-Schicht ohne einen einzigen Einsatz hinter uns gebracht, als der Alarm für einen medizinischen Notfall unseren perfekten Tag zunichte machte.
„Was für eine gequirlte Scheiße“, schimpfte Alex, als er aufstand, sich die Augen rieb und dann seinen bescheuerten Schnurrbart glattstrich, den er mehr liebte als seine Kinder. „Wahrscheinlich ist wieder mal irgendeine Neunzigjährige hingefallen und kommt nicht mehr auf. Und jetzt müssen wir wieder ran.“
Wir wussten, dass er das als Scherz gemeint hatte, aber Burton konnte sich einfach nicht zurückhalten. „Du solltest dich mal lieber nicht über alte Damen lustig machen. Auch die brauchen Liebe und Zuwendung.“
„Hey.“ Alex hob beide Hände. „Halt dein Liebesleben aus dieser Feuerwache raus.“
Ein Chor von halbherzigen Stöhnlauten von den vier Jungs, die die Rettungsstation bemannten, schwebte durch unseren nüchternen Schlafraum, aber alle waren viel zu beschäftigt damit, sich für den Einsatz fertig zu machen, um weiter darauf herumzureiten. Zu jeder anderen Zeit wären die Witze schneller hin- und hergesaust als unser Truck die Autobahn entlang raste.
Nate, der einzige schwarze Feuerwehrmann in unserer Wache, war mit Abstand das am meisten bewunderte und beliebteste Mitglied beider Teams. Der Vater von vier Kindern war ein Mentor für Hunderte gewesen, und sein großes Herz und seine sanfte Art machten es einem unmöglich, ihn nicht zu mögen. Mit achtunddreißig war Burton auch das älteste Mitglied beider Teams, was seine grauen Strähnen an den Schläfen unterstrichen. Obwohl er nur ein Jahrzehnt älter war als wir anderen, benahm er sich oft, als wäre er ein halbes Jahrhundert älter als seine Kollegen. Er erteilte uns immer wieder kluge Ratschläge und Weisheiten, egal, ob wir ihn nun darum baten oder nicht, was ihm den beliebtesten Spitznamen in der Wache eingebracht hatte.
„Yoda.“ Ich streckte meine Arme durch mein Shirt und befreite meinen Kopf. „Fordere ihn bloß nicht noch weiter raus. Dann ist er nämlich nicht mehr zu bremsen.“
Einen Moment später verstummten die Pieptöne und eine mechanische Frauenstimme ertönte aus den Lautsprechern: „Engine Four, Medic One. Verkehrsunfall. Old Ivy Road in östlicher Richtung zwischen der Überführung Georgia Four Hundred und der North Stratford Road. Kanal zwei.“
Nate bewegte sich zur Tür. „Dann mal los, Mädels. Der Truck fährt sich nicht von alleine.“
Die Sanitäter waren schneller als wir aus der Wache raus, ihre Sirenen heulten trotz der frühen morgendlichen Stunde. Die Straßen von Atlanta schliefen nie. Denn wenn dem so gewesen wäre, hätten wir vielleicht auch ein paar Stunden Schlaf genießen können.
Alex ließ den Motor aufheulen, während Samantha – Sami – einstieg und die Tür hinter sich zuschlug.
„Los geht’s“, befahl sie, obwohl sie als Letzte erschienen war.
„Yes, Ma’am“, erwiderte Alex und salutierte albern. Der Truck rollte langsam durch das schwere Rolltor, und dann begannen auch schon unsere Lichter zu blinken.
„Das wird nie langweilig“, stellte Sami fest, während sie ihren kastanienbraunen Pferdeschwanz über ihre Schulter warf und sich wach blinzelte.
„Aus der Wache rauszufahren?“, fragte Alex.
„Nein, du Idiot, zu einem Einsatz zu fahren. Wenn wir die Sirene einschalten und die Blaulichter anmachen. Das alles.“
„Nach wie vielen Jahren? Zwölf? Du kriegst immer noch eine Gänsehaut, wenn du eine Sirene hörst?“ Er schüttelte seinen Kopf. „Du musst echt mehr raus.“
Sie boxte ihn in den Arm.
Als Rettungssanitäterin des Teams arbeitete Sami bei den meisten Einsätzen härter als wir anderen, vor allem, weil die meisten unserer Einsätze medizinische Notfälle oder Autounfälle betrafen. Brandbekämpfung war trotz unserer endlosen Schulungen in diesem Bereich eher die Ausnahme. Die Leitstelle hatte keine Angaben dazu gemacht, ob es sich um einen einfachen Unfall mit Verletzten oder um einen brennenden Wagen handelte, aber so oder so wurden Samis medizinische Fähigkeiten fast immer gebraucht.
„Culo”, brummte sie, drehte sich auf die Seite und schaute aus dem Fenster.
„Ooh“, meinten Burton und ich gleichzeitig von hinten.
„Sie ist stinksauer, wenn sie ins Spanische wechselt. Jetzt hast du es geschafft, Happy.“ Burtons Lachen fühlte sich wie eine warme Zimtschnecke mit Zuckerguss an.
Sami hob ihre Hand über die Schulter und streckte einen Finger aus.
Normalerweise hielt ich den Mund und senkte den Kopf. Das war die einzige Möglichkeit, um mit Sicherheit nicht zwischen die Fronten zu geraten, wenn die Wortgefechte losgingen. Außerdem machte es Spaß, ihnen von der Seitenlinie aus zuzusehen, während man Popcorn futterte und Bier schlürfte.
„Da ist es“, meldete sich Burton, sobald die Lichter des am Straßenrand geparkten Krankenwagens in Sicht kamen.
Unsere Sirene verstummte und der Truck kam hinter dem Krankenwagen zum Stehen. Ein Sanitäter stand über einen Mann mittleren Alters gebeugt da, während der andere gelassen zu ihrem Truck zurückging. „Sieht ganz so aus, als hätten die Jungs das im Griff“, meinte Sami. „Außer ihr wollt noch mal mit dem Schlauch drüber, um sicher zu gehen, dass da garantiert nichts mehr losgeht.“
Alex zeigte ihr den Vogel und erntete dafür ein Grinsen.
„Ihr Mädels mixt die Drinks. Ich schaue mir mal die Party an.“ Sie öffnete die Tür und sprang runter wie eine Turnerin vom Balken.
„Wir müssen ihr echt mal eins auswischen. Sie wird mir langsam ein wenig zu übermütig“, meinte Alex. Er war der Witzbold im Team, der ständig Stiefel mit Rasierschaum füllte oder anderen ahnungslosen Kollegen irgendwelche anderen kindischen Streiche spielte.
Wäre er nicht so ein knallharter Typ hinter dem Steuer eines Trucks und einer der mutigsten – fast schon tollkühnen – Männer gewesen, die ich je kennengelernt hatte, hätte ihm seine schelmische Art wohl eine Menge Ärger eingebracht.
„Ich hätte Angst davor, dass sie zurückbeißt. Die Frau hat Zähne“, witzelte Burton.
Ich brummte zustimmend und vermied Alex’ Blick, falls seine ach so brillanten Pläne mich am Ende noch irgendwie miteinbezogen. „Wir sollten zumindest mal das Auto checken.
„Stimmt. Danke, dass du dich freiwillig meldest.“ Alex lehnte sich in seinem Sitz zurück, als würde er ein Nickerchen machen wollen, und warf dann einen Blick in den Rückspiegel, um Burton und mich finster anzustarren. „Was denn? Ich bin der Fluchtfahrer, falls die Sache schiefgeht. Habt ihr beiden noch nie einen Gaunerstreifen gesehen? Ich darf den Truck nicht verlassen.“
„Oh Gott, die haben einem Teenager eine Uniform gegeben“, stöhnte Burton und öffnete seine Tür. „Komm schon, Walkman, lass uns abhauen.“
Im Gegensatz zum weisen Yoda war mein Spitzname – eine Anspielung auf meinen Nachnamen Walker – fast so langweilig wie mein Gesichtsausdruck, den ich die meiste Zeit aufsetzte. Ich hasste diesen Spitznamen. Was die Jungs wussten. Also war er natürlich hängen geblieben. Willkommen auf der Feuerwache.
Der Sanitäter, der nicht gerade damit beschäftigt war, den Fahrer zu versorgen, kam auf uns zu. „Ihr könnt wieder abhauen. Das Auto ist kalt und der Patient hat keine Lust auf ein Blaulicht-Taxi. Der, der ihn angefahren hat, hat das Weite gesucht – klingt nach Alkohol am Steuer. Wir kommen gleich nach, sobald die Polizei eingetroffen ist.“
Ich warf einen Blick über seine Schulter und sah Sami auf uns zukommen. Sie hatte ihn gehört und nickte zustimmend.
Nate ließ den Sanitäter links liegen, und lief an Sami vorbei zum Honda Civic, dessen vordere Ecke auf der Fahrerseite so aussah, als hätte jemand von einem Apfelkuchen abgebissen und ihn wieder in die Schachtel zurückgelegt. Er beugte sich zum Fenster, vergewisserte sich, dass der Motor ausgeschaltet war, und richtete sich dann wieder auf. Zufrieden trat er an die Motorhaube heran, hielt seine Handfläche über das Metall, drehte sich um und reckte den Daumen nach oben.
Sami verdrehte die Augen. „Na, das war ja wieder mal notwendig.“
Der Sanitäter gluckste leise. Ich hielt mein Grinsen zurück – mir gefiel Yodas Gründlichkeit. Was er da mit dem Civic angestellt hatte, war vielleicht übertrieben, aber wenn man sich nicht an die Vorschriften hielt, konnten Feuerwehrleute ums Leben kommen – vielleicht nicht gerade bei Unfällen mit Fahrerflucht, bei denen zwei Sanitäter und ein weiterer Feuerwehrmann das Auto bereits gecheckt hatten, aber in anderen, gefährlicheren Situationen.
Doch im Bruchteil einer Sekunde hatte ich mich auch schon von meinem Mitgefühl für Burton losgerissen und grinste Sami an.
Während Sami, Burton und ich zu unserem Truck zurückgingen, hielt eines der besten Polizeiautos Atlantas mit blinkenden Blaulichtern an. Burton winkte.
Die Scheinwerfer eines anderen Autos blendeten uns fast, als es hinter dem Polizeiauto parkte.
„Wem gehört denn der Limettenfarbene?“, fragte Sami den Cop und deutete auf den grünen Ford Escape.
Der Officer schüttelte den Kopf. „Presse. Na großartig.“
„Um halb sechs Uhr morgens? Im Ernst?“ Samis Pferdeschwanz hätte mich fast getroffen, als sie den Kopf schüttelte. „Wir hauen ab. Viel Spaß damit.“
Der Officer schritt an uns vorbei und murmelte etwas Unverständliches, obwohl ich irgendwo in seinem Gemurmel „fucking Reporter“ heraushörte.
Irgendwas an dem Neuankömmling erregte meine Aufmerksamkeit. Vielleicht war es die Farbe des kompakten SUVs, die an Babykotze erinnerte, oder die Tatsache, dass das Fahrzeug noch immer das Fernlicht anhatte, was mir grelle Punkte auf die Netzhaut projizierte. Dann, gerade als die Sonne beschloss, über den Horizont zu lugen und den Himmel golden zu färben, öffnete sich die Tür und ein Typ stieg aus.
Hätte ich nicht von unserem örtlichen Cop gewusst, dass er ein Reporter war, wäre mir das in dem Augenblick klar geworden, als der Typ seine sandblonden Locken aus dem Gesicht strich und eine schwarze Brille mit dicken Gläsern sowie ein markantes, unrasiertes Kinn zum Vorschein kamen. Seine Khakis waren so zerknittert, dass ich die Falten auch aus der Weite erkennen konnte, und sein hellblaues Shirt sah aus, als hätte er darin geschlafen, es dann zusammengeknüllt und sich auf der Fahrt zum Unfallort daraufgesetzt.
War dieses kantige Kinn typisch für Reporter? Es zog mich magisch an, ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden.
Während er um das Polizeiauto herumging, konzentrierte sich der Typ auf den demolierten Civic. Ich war mir nicht mal sicher, ob er mich neben unserem Feuerwehrauto stehen sah, wo ich wie ein verliebter Teenager vor mich hinstarrte.
Dann wandte er sich um, und seine Augen waren so klar und grau, dass ich schon dachte, er müsse ein White Walker sein, der mich ins Visier genommen hatte. Im Schein der Scheinwerfer des Polizeiautos sah ich nun, wie kantig sein Kinn wirklich war … und wie perfekt seine pinken Lippen waren … und sein Haar … verdammt. Es war, als hätte jemand den nerdigsten Nerd aller Zeiten, der Star Trek schaute, mit einer hageren, faltigen, bebrillten Version von Chris Hemsworth verschmolzen, der mit seinem knackigen Hintern über den roten Teppich stolzierte.
Dann lächelte er.
Und mir stockte der Atem.
Er senkte seinen Kopf, als wäre er mein zehnjähriger Nachbarsjunge gewesen und ich hätte ihn gerade dabei erwischt, wie er durch die Jalousien in mein Zimmer gespäht hatte, während ich mich umgezogen hatte.
Das war vielleicht das Niedlichste, was ich je gesehen hatte.
Ich stützte mich mit einer Hand auf dem Truck ab.
Er hob eine Hand, die mit dem handflächengroßen Flip-Pad, durch dessen Spiralbindung ein Stift gesteckt war, und sagte: „Ich bin, äh, Patrick.“
Kapitel 2 | Patrick
Das Letzte, was ich mir jemals vorgestellt hatte, war, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, um einem Krankenwagen hinterherzufahren, aber so war das Leben eines Reporters nun Mal – zumindest eines Reporters, der sich noch den Respekt seines nervtötend griesgrämigen, widerwärtig kurzsichtigen und arschharten Chefs verdienen musste.

Vielleicht war ich ein wenig zu hart zu meinem Chef.
Er war mit Sicherheit griesgrämig, aber sein Arsch war alles andere als hart. Er saß den ganzen Tag darauf. So hart konnte der gar nicht sein.
Aber das ist hier nicht das Thema.
Evan Demmit war eine Legende in der Welt der Printmedien. Er war knallhart, superschroff und fast unmöglich zu beeindrucken. Für uns Neulinge war er ein Gott, der hell erstrahlte und völlig unnahbar von seinem olympischen Thron herabblickte. Eigentlich war es ein Bürostuhl aus den Siebzigern, dessen Rollen jedes Mal quietschten, wenn sein übergroßer, mit Hüttenkäse gefüllter Arsch sich zu sehr bewegte, aber für uns war es ein Thron.
Er war der Gott der Nachrichten.
Printus Zeus? Paperus Maximus? Nachrichtus Primus?
Vielleicht hatte er recht, dass ich in meinen Texten zu viele Wortspiele verwendete. Ich hatte vielleicht sogar die erfolgreichen ein bisschen zu weit getrieben.
Trotzdem war ich kein schlechter Reporter. Ich arbeitete bereits seit mehr als zwei Jahren für diesen Mann und hatte eine Chance verdient. Wenn ich noch einen Artikel über die neuesten Agility-Anlagen im örtlichen Hundepark schreiben musste, würde ich wahrscheinlich meinen Kopf gegen den Monitor schlagen und losheulen.
Also hatte ich mich aus den Federn gequält, bevor die Sonne ihren undankbaren Kopf über die Skyline von Atlanta gereckt hatte, um einer Spur nachzugehen. Streng genommen war ein Piepton aus meinem Polizeiscanner, der einen Autounfall meldete, keine Spur, aber immerhin etwas. Das hier war mit Sicherheit vielversprechender als mein aktueller Auftrag, über Preiserhöhungen im örtlichen Dollar Store zu berichten. Laut Quellen waren die Preise über die Ein-Dollar-Marke gestiegen, und mehrere Leser hatten sich in Zuschriften darüber beschwert. Demmit hatte die Briefe über seinen Schreibtisch geschleudert und mir befohlen: „Mach was draus“.
Das war nicht gerade ein Pulitzer-Preis-Moment gewesen.
Obwohl Inflation sowohl finanziell als auch politisch immer ein wichtiges Thema war, bezweifelte ich, dass Plastikdinosaurier mit einem Preis von zwei Cent über dem Namen des Ladens viele Leser interessieren würden.
Ich parkte hinter dem Polizeiauto und beobachtete die Lage. Aus dem zerbeulten Fahrzeug stieg kein Rauch auf. Zwei Sanitäter standen neben einem Mann mittleren Alters, der weder eine Berühmtheit noch ein Politiker war. Niemand schien in Not zu sein. Die Feuerwehrleute kehrten zu ihrem Truck zurück. Ich hatte Mitleid mit einer Frau, der man die Langeweile ansah. Offensichtlich war auch sie zu einem Fehlalarm gerufen worden.
Ich seufzte: „Ich kann mir das ja mal ansehen“, öffnete meine Tür und stieg aus.
Also lief ich um mein Auto herum, machte mir allerlei Notizen und achtete nicht auf mein Umfeld, sodass ich fast mit dem letzten Feuerwehrmann zusammengestoßen wäre.
„Oh Scheiße! Entschuldigung“, murmelte ich, schloss meinen kleinen Notizblock und schaute auf.
Plötzlich riss ich die Augen auf und mir blieb die Spucke weg.
Der Mann, der mich da ansah, hätte Zac Efron sein können, wenn Zac dichtes schwarzes Haar, kristallblaue Augen und eine gebräunte Haut gehabt hätte, um die ihn die Jungs bei Tropicana beneidet hätten.
Und erst sein Gesicht. Oh Gott.
Sein Kinn war wie aus Granit gemeißelt. Er trug einen weiten, braunen Feuerwehrmantel und eine Hose, als würde er gleich in ein brennendes Gebäude stürmen. Ich suchte nach einem Abzeichen oder einer Marke mit seinem Namen, aber der Mantel hatte keine Beschriftung außer dem Aufnäher der Feuerwehr von Atlanta, der auf seiner linken Schulter angebracht war.
„Ich bin, äh, Patrick“, stammelte ich unbeholfen und streckte meine Hand aus, bevor mir auffiel, dass ich darin ja noch meinen Notizblock hielt.
Der Feuerwehrmann schaute nach unten und neigte den Kopf, ein bisschen wie ein Golden Retriever, der verdutzt war, weil ihm jemand nur die Hälfte eines Leckerlis gab.
„Brauchst du irgendwas?“, fragte er, ohne meine Hand zu ergreifen, mit harter, eintöniger Stimme.
„Äh, nein, sorry“, stammelte ich, zog meine Hand zurück und erinnerte mich dann daran, warum ich hier war. „Warte, ja. Vielleicht.“
Daraufhin hob sich leicht eine Augenbraue, das einzige Anzeichen einer Gefühlsregung, das ich bei dem Mann sehen konnte.
„Ich bin Patrick.“
Ein Hauch von einem Lächeln umspielte einen seiner Mundwinkel. Zumindest deutete ich es als Lächeln. „Das hast du bereits gesagt.“
Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, ließ sie hinter meine Ohren fallen und rückte dann meine Brille zurecht. „Ich bin vom AJC. Reporter. Ich bin Reporter beim AJC.“
Er verschränkte seine Arme. „Ich rede nicht mit Reportern.“
Ich hätte fast meinen Block fallen lassen. „Äh, oh, sorry. Ich meine, ich wollte nicht andeuten … Ich habe nicht gedacht … nun, doch, das habe ich gedacht, weil du doch heiß bist und … oh Scheiße. Tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen sollen.“ Ich bedeckte mein Gesicht mit meiner Handfläche.
Ein leises Grollen, das ich für Gelächter hielt, drang aus dem Feuerwehrmann. „Ich habe gedacht, du wolltest eine Stellungnahme, kein Date. Das ist doch was ganz anderes.“
Meine Hand sank herab und mein Blick huschte zu ihm.
Sein Mund war jetzt eindeutig verzogen, und das Funkeln in seinen Augen drückte eher Belustigung als Lust aus. Hatte er das ernst gemeint oder hatte er mich bloß auf den Arm genommen? Ich war gut darin, Leute zu lesen, aber dieser Typ war mir ein einziges Rätsel.
Ich beschloss, die Sache professionell anzugehen. „Was ist denn hier passiert?“
Sein Grinsen wurde breiter. „Autounfall.“
„Walkman, lass uns fahren“, rief eine Frauenstimme aus dem Truck.
Der Typ schaute über meine Schulter und dann wieder zu mir. „Sonst noch was?“
Normalerweise fiel es mir nicht schwer, Fragen zu stellen, aber in diesem Moment kam nur „Walkman?“ heraus.
Er nickte. „Spitzname. Ziemlich lahm. Mein Nachname ist Walker.“
„Dane!“, bellte die Frauenstimme über das plötzliche Aufheulen des Motors des Trucks hinweg.
„Ich muss los. Frag den Cop, was auch immer du möchtest, aber das hier ist keine Schlagzeile wert. Das ist bloß ein Unfall.“
Ich musste mich sehr zusammenreißen, um mich nicht umzudrehen und ihm nachzugaffen, als er vorbeiging. Ich wusste zwar, dass man in seinem Feueranzug, oder wie auch immer man das nannte, beim Einsteigen in den Truck keinen Hintern zu sehen bekommen würde, aber ich wollte trotzdem unbedingt einen Blick darauf werfen. Also richtete ich meine Aufmerksamkeit stattdessen lieber auf das Geschehen ein paar Schritte vor mir und ließ den gutaussehenden Feuerwehrmann an mir vorbeiziehen, ohne in weiter zu belästigem.
Er war schon einen Schritt hinter mir, als ich hörte, wie er stehen blieb. Das Rascheln seines schweren Mantels verriet mir, dass er sich wieder zu mir umgedreht hatte. Ich konnte spüren, wie er auf meinen Hinterkopf blickte.
„Du hättest lieber mal nach meiner Nummer fragen sollen“, stellte er fest.
Dann ging er weg und die Tür des Trucks schlug zu. Während die Reifen über den Kies knirschten und der Truck davonfuhr, schlug mein Herz ein wenig schneller, und mir wurde klar, dass sie seinen Namen erwähnt hatte.
Dane Walker.
Kapitel 3 | Patrick
Dane hatte recht gehabt. Der Unfall war einfach nur ein Unfall gewesen. Bei dem Autounfall waren keine Leute verletzt worden. Abgesehen von der Fahrerflucht war an dem Vorfall nichts Interessantes.

Trotzdem war eine Story eine Story.
Um halb sieben betrat ich also die Redaktion des Atlanta Journal-Constitution. Ein verschlafener Wachmann schaute kaum von dem auf, was er gerade las, als ich mich anmeldete und den Knopf für den Fahrstuhl drückte.
Während ich den Mittelgang unserer weitläufigen Nachrichtenredaktion entlangging, umgeben von einer Ansammlung niedriger Trennwände und PC-Bildschirme, wurde mir klar, dass ich noch nie so früh zur Arbeit gekommen war. Die Lichter waren an, einschließlich der einen Neonröhre – etwa auf einem Drittel der Strecke zur gegenüberliegenden Wand – die summte und flackerte und dem armen Kerl, der darunter saß, wahrscheinlich Migräne bescherte, aber alle Schreibtische waren leer. Alle bis auf zwei.
Ein silberner Haarknoten ragte über die Trennwand eines Arbeitsplatzes hinaus und wippte hin und her, während seine Besitzerin wild auf ihre Tastatur einhämmerte. Emily Grayson arbeitete seit fast zwanzig Jahren für das AJC. Sie war hartnäckig, ausdauernd, super in ihrem Job und konnte mit ihrem Charme selbst die härtesten Nüsse knacken. Emily war nicht nur eine der angesehensten Reporterinnen in Atlanta, sondern auch eine der angesehensten Autorinnen des amerikanischen Printjournalismus.
Und rein zufälligerweise war sie auch meine Mentorin.
„Guten Morgen, Em“, begrüßte ich sie, legte meine Arme auf die Trennwand ihrer Bürozelle und schaute über ihren Monitor hinweg.
„Pssst. Lass mich das noch schnell zu Papier bringen.“ Ihre Finger flogen noch schneller über die Tastatur, während ihre Augen zwischen dem Bildschirm und einem Notizblock voller unleserlicher Kritzeleien hin und her huschten.
Eine Minute verging, dann fünf.
„Ich hole Kaffee. Willst du noch einen?“, fragte ich mit einem Blick auf ihre leere Tasse.
Sie nickte und winkte mir zu. Wenn sie einmal in Fahrt war, konnte nichts Emily und ihre Worte aufhalten.
Einen Moment später kam ich mit zwei dampfenden Pappbechern zurück. Emily hatte sich ein paar Schritte von ihrem Monitor entfernt, ihre Brille auf den Kopf geschoben und blinzelte auf den Bildschirm.
„Oh, das ist gut“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „So verdammt gut.“
„Sind wir heute Morgen etwa stolz auf uns?“
Sie streckte den Mittelfinger aus.
„Ich liebe dich auch, Em.“
Endlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie drehte sich zu mir um. „Her mit dem Kaffee, bevor ich dir noch den Kopf abbeiße wie einer nutzlosen männlichen Gottesanbeterin nach einer guten Nummer.“
Ich reichte ihr kopfschüttelnd den Becher. „Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckt: deine Vertrautheit mit verstörenden Bildern aus dem Tierreich oder die Tatsache, dass jede Analogie, die du verwendest, voll von sexuellem Frust steckt.“
Sie schnappte sich den Becher, schüttete den Inhalt in ihre Keramiktasse und wedelte mit einem Finger in der Luft herum wie eine Lehrerin, die einen widerspenstigen Schüler zurechtwies. „Spannung.“
„Hä?“
Sie nahm einen Schluck und grinste. „Sexuelle Spannung. Hier gibt es keinen Frust. Mama hat mehr Action als halb Terminus zusammen.“
Ich musste mich abwenden, um nicht ihren ganzen Schreibtisch mit Kaffee zu bespritzen. „Gott, du bist schrecklich. Darfst du Atlantas Erbe überhaupt so versauen?“
„Natürlich darf ich das. Ich bin schließlich Reporterin.“
Sie neigte ihren Kopf zur Seite und bewegte ihre schneeweißen Augenbrauen. „Apropos, was macht mein Lieblings Babybär denn so früh am Morgen schon hier? Hast du einen heißen Tipp? Oder hast du einen Typen mit einem heißen …“
„Emily, bitte. Ich bin Profi.“
„Was die Nachrichten betrifft oder Männer?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Hast du in letzter Zeit mal meinen Terminkalender gesehen? Eindeutig die Nachrichten.“
„Ach, Babybär, ich habe auch schon mal so einen Kalender gehabt. Vielleicht sollten wir Profi für die Zukunft ganz neu denken.“
Ich legte meine Hand auf mein Herz und taumelte zurück. „Sie verletzen mich, Madame.“
Sie schnappte sich den Bleistift hinter ihrem Ohr und deutete damit auf mich, als würde sie ein kleines Schwert schwingen. „Das werde ich tatsächlich, wenn du mir nicht sofort sagst, warum du so früh hier bist.“
Ich beugte mich wieder zu ihrem Arbeitsplatz hinüber und senkte meinen Kopf.
„Babybär, sprich doch mit Mama.“
Trotz allem musste ich lachen. Emily war hart wie Stahl, aber wenn sie in den Modus beschützendes Muttertier wechselte, verwandelte sie sich in eine weichherzige Oma, deren Arme der wärmste Ort der Welt waren. Der krasse Gegensatz zwischen Kriegsamazone und grauhaariger Omi brachte mich zum Lachen.
„Ich bin einem Piepsen nachgejagt.“
Sie blinzelte ein paar Mal und wartete darauf, dass ich weiterredete.
„Es war ein Autounfall. Nichts Aufregendes oder Spannendes. Als ich dort angekommen bin, ist das Feuerwehrauto gerade abgefahren und die Sanitäter haben alles an die Polizei übergeben.“
„Hmm. Nichts Interessantes?“
„Fahrerflucht.“
Sie setzte sich aufrecht hin. „Da haben wir es.“
„Was? Noch ein Artikel über Versicherungsprämien wegen Fahrerflucht?“
„Sieh die Sache mal von einer anderen Seite. Vergiss nicht die Auswirkungen auf die Familien.“
Ich schüttelte meinen Kopf. „Hat Kanal Elf nicht gerade eine ganze Serie darüber ausgestrahlt und jedes Familienmitglied interviewt, das sie finden konnten? Vor etwa zwei Wochen?“
„Oh, stimmt. Das haben sie.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Also, sonst nichts Ungewöhnliches?“
Bevor ich antworten konnte, hallte es auch schon durch das leere Büro: „Pierce, in mein Büro. Sofort!“
Demmit behauptete, die Lampen in seinem Büro würden ihm in den Augen wehtun, deshalb ließ er sie ausgeschaltet und benutzte stattdessen eine alte Bankerlampe, die über seinem Schreibtisch hing.
Ich stöhnte: „Na dann mal los.“
„Kopf hoch, Kleiner. Er bellt nur, er beißt nicht.“
„Das liegt daran, dass er dich nie beißen würde. Mich hingegen …“
„Ich habe nicht den ganzen Vormittag Zeit, Pierce“, bellte Demmit.
Ich trank den Rest meines Kaffees aus, warf den Becher in Emmas Mülleimer und schlängelte mich durch den Dschungel aus Schreibtischen zu Demmits Büro. Als ich reinkam, saß er mit beiden Ellbogen auf seinem Schreibtisch gestützt da, die Finger zu einem Dreieck geformt, während seine kleinen Augen schnell in meine Richtung blinzelten.
„Setzen Sie sich“, befahl er und deutete mit seinen kleinen Augen auf den leeren Holzstuhl ihm gegenüber.
„Guten Morgen, Sir.“
„Kein Smalltalk“, brummte er. „Was haben Sie für mich? Sie sind doch sonst nie so früh da.“
Hm. Er denkt, ich hätte einen Knüller für ihn.
„Äh, nun, eigentlich nichts …“
„Was zum Teufel meinen Sie mit nichts, Junge? Ich kann doch nicht nichts drucken. Wo waren Sie? Ich rieche doch eine Story an Ihnen.“
Wäre ich nicht so aufgekratzt wegen seiner schnellen Fragen gewesen, hätte ich darüber gelacht.
„Ich hab’s ja versucht, Sir. Ich bin zu einem Einsatz der Feuerwehr gefahren, aber es war nichts. Nur wieder so ein Unfall mit Fahrerflucht.“
Sein Stuhl quietschte, als er sich zurücklehnte. „Wer war da?“
„Wo, Sir?“
„Am Unfallort? Wo sonst waren Sie heute Morgen? Ich rate Ihnen, besser keine Drogen nehmen, während Sie im Dienst sind.“
„Äh, nirgendwo, Sir. Und nein, Sir, keine Drogen. Ich habe nicht … würde nicht. Ich habe nicht …“ Ich blinzelte ein paar Mal, um meinen Kopf freizubekommen. „Die üblichen Einsatzkräfte waren da. Ein Krankenwagen mit zwei Sanitätern, ein Cop in seinem Streifenwagen und ein Feuerwehrwagen mit einer Vierergruppe.“
„Feuerwehrwagen? Was haben die denn dort zu suchen gehabt?“
„Sie sind gerade weggefahren, Sir.“
„Weggefahren?“
Ich nickte. „Als ich dort angekommen bin, hatten sie bereits fast alles aufgeladen und wollten gerade losfahren. Ich habe mit dem letzten Feuerwehrmann gesprochen, bevor er abgezogen ist.“
„Und?“
Ich zuckte erneut mit den Schultern. „Er hat gemeint, es wäre kaumder Rede wert. Es hat sich so angehört, als wäre er an solche Fehlalarme gewöhnt.“
Demmits Blick löste sich von mir und schweifte zu einem undeutlichen Punkt an der Wand hinter mir. Er griff gedankenverloren nach einem Stift auf seinem Schreibtisch und begann, damit gegen seine Lippen zu tippen. „Das ist es.“
Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte, also wartete ich ab.
Er starrte vor sich hin … und tippte. „Ich hab’s!“ Er schlug mit der Handfläche auf seinen Schreibtisch.
Darüber erschrak ich so sehr, dass ich mir fast in die Hose gemacht hätte. „Sir?“
Sein raubvogelähnlicher Blick richtete sich auf mich. „Sind Sie fertig mit den Hunden und den Reifen?“
„Gott, ich hoffe doch.“ Ich fing mich wieder. „Ich meine, ja, Sir.“
„Gut. Sie schreiben einen Artikel über das Leben als Feuerwehrmann.“
Na toll, noch so eine Wohlfühlstory. „Ein Lifestyle-Artikel?“
„Nennen Sie es eine fucking Enthüllungsgeschichte, wenn Sie sich dann besser fühlen.“ Er machte eine abwinkende Handbewegung. „Sorgen Sie dafür, dass man Sie mitfahren lässt. Hängen Sie in der Wache rum. Essen Sie mit ihnen. Verdammt, schlafen Sie mit ihnen, wenn ihnen das gefällt. Was auch immer nötig ist.“
„Aus welchem Blickwinkel, Sir?“
Er neigte seinen Kopf. „Welcher Blickwinkel?“
„Genau danach habe ich gefragt. Halte ich nach etwas Bestimmtem Ausschau?“
Er starrte mich an, als hätte ich ihn gebeten, direkt auf seinem Schreibtisch eine Kuh zu melken. „Sie sind Reporter. Sie finden den Blickwinkel selbst, man gibt Ihnen den nicht vor. Was für eine dumme Frage ist das denn?“
„Entschuldigung, Sir“, murmelte ich.
Meine Gedanken kreisten zwischen Verärgerung und Enttäuschung darüber, dass mir wieder einmal so eine langweilige Aufgabe zugewiesen worden war, die es nie über Seite zehn des Metro-Teils hinaus schaffen würde, und dem Versuch, herauszufinden, wo ich überhaupt anfangen sollte. Ich kannte niemanden bei der Feuerwehr. Vielleicht kannte Emily ja jemanden.
Da blitzten plötzlich ein kantiges Kinn und durchdringende blaue Augen vor mir auf, und mir brach leichter Schweiß am Hals aus. Wie hat der nochmal geheißen? Dane? Er war nicht gerade freundlich gewesen, aber er hatte gesagt, ich hätte ihn nach seiner Nummer fragen sollen. Hatte er mich tatsächlich angemacht? Es hatte zumindest ganz danach geklungen, aber ich hatte keine Ahnung von Männern. Wenn es um einen guten, altmodischen korrupten Politiker oder Kriminellen geht, durchschaue ich sofort deren Bullshit, aber setz mir einen heißen Typen vor die Nase, und alle Vernunft verschwindet schneller als ein Bloody Mary beim Gay-Brunch.
Dane hat mich doch angemacht, oder?
So oder so, ich war mir sicher, dass er angedeutet hatte, ich könnte ihn anrufen. Jedenfalls hatte ich das so verstanden. Da spielte es keine Rolle, dass ich nichts lieber tun wollte, als seine olivfarbene Haut zu lecken, oder dass sein Lächeln, so wie ich es wahrgenommen hatte, mein Inneres zum Zerfließen gebracht hatte. Er war mein Weg in eine Feuerwache, und ich würde ihn benutzen wie …
Verdammt, all diese Gedanken weckten in mir den Wunsch, ihn tatsächlich benutzen zu wollen – und zwar nicht auf die Art eines eifrigen Reporters.
Mein Shirt war jetzt völlig durchnässt.
Demmit hatte ja nicht gesehen, wie ich in Danes Blick versunken war. Er hatte auch keinen blassen Schimmer, dass ich jetzt stärker schwitzte als ein frischgebackener Schwuler, bei seinem ersten richtig heißen, engen Tanz mit einem scharfen, muskulösen, Pärchen mit nacktem Oberkörper, das ihn auf einer schlecht klimatisierten Tanzfläche von beiden Seiten so richtig in die Zange nahm – während der Bass hart und gleichmäßig hämmerte und Laserlichter durch den Raum zuckten.
Ich tupfte mir mit dem Ärmel die Stirn ab und versuchte, dieses Bild aus meinem Kopf zu verbannen. Ich wollte in diesem Augenblick so gerne das Jelly zu seiner Erdnussbutter sein.
Der Chef tippte noch ein paar Mal auf den Tisch, blickte dann auf und fügte hinzu: „Bringen Sie bis nächste Woche tausend Wörter.“
Tausend Wörter? Das war eine ungeheure Menge an Wörtern für einen Zeitungsartikel, zumindest für jeden Artikel, den ich jemals schreiben sollte. Da die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Leser in den letzten Jahren fast auf null gesunken war, hatten die meisten Artikel etwa fünfhundert Wörter. Features und besonders interessante Nachrichtenartikel konnten viel länger sein, aber die waren selten. Die meisten meiner nutzlosen Texte wurden auf weniger als zweihundertfünfzig Wörter gekürzt, nachdem Demmits Armee von Rotstift-Assassinen meine wertvollen Worte zerhackt hatte.
Dann wurde mir klar, dass er den Artikel erst in der nächsten Woche haben wollte. Ich hatte noch nie mehr als acht Stunden Zeit gehabt, um einen Artikel abzugeben. Was zum Teufel?
„Sir? Tausend? Habe ich richtig gehört …“
„Sie haben mich schon richtig verstanden. Schreiben Sie fünftausend. So viele Wörter, wie Ihnen in Ihrem kleinen Gehirn einfallen. Schreiben Sie, bis Ihre Finger wehtun. Wir kürzen das Ganze dann.“
„Äh, verstanden. Ja, Sir.“
„Bauen Sie keinen Scheiß, Pierce. Und jetzt raus hier.“
Ich sprang vom Stuhl auf und drehte mich um, wobei ich fast stolperte, weil sich meine Füße in den Stuhlbeinen verfingen. Hinter dem Schreibtisch ertönte ein Grunzen, das vage an ein Lachen erinnerte.
„Ich habe damit nicht gemeint, dass Sie sich selbst verletzen sollen, um von der Feuerwehr abgeholt zu werden.“
„Entschuldigung, Sir.“ Ich warf einen Blick zurück und senkte meinen Kopf.
Daraufhin grinste er. Evan Demmit lächelte tatsächlich – auf seine verrückte Art. Ich hatte diesen Ausdruck nur ein paar Mal auf seinem Gesicht gesehen, und das war meistens nach mehreren Runden Alkohol auf der jährlichen Weihnachtsfeier der Zeitung.
Ich drehte mich um und stieß mit dem Knie gegen die Armlehne des Stuhls. „Scheiße!“
Demmit gluckste leise.
„Entschuldigung, Sir. Ich wollte nicht fluchen.“
Jetzt lachte er. „Sie haben Ihren Auftrag bekommen, weil Sie früh hier waren und sich den Arsch aufgerissen haben, Pierce. Guter Junge. Aber jetzt verschwinden Sie aus meinem Büro, damit ich meine Arbeit machen kann.“
Da war er wieder. Der Demmit, den wir alle kannten und liebten.
Naja, der, den wir kannten.
Ich schob den Stuhl aus dem Weg und floh in die Sicherheit meiner Bürobox.
„Schließen Sie meine Tür, verdammt!“
Ich wirbelte herum, riss seine Tür zu und rannte durch das Büro zu meinem Schreibtisch.
Ich musste unbedingt Dane finden.
